Helmut Smits: “Rainbow”, 2010

für den postironischen Durchblick:
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via rebel:art

Smells like Postirony – Lenas Satellit

Beim Eurovision Song Contest (der für mich immer noch „Grand Prix“ heisst) hat das Gute gesiegt. Das Gute kommt ausgerechnet aus Hannover, der niedersächsischen Landeshauptstadt, die gemeinhin als unprätentiös, langweilig und hoffnungslos provinziell verschrien ist (zu Recht übrigens, und dieses Image wird von den Hannoveranern durchaus liebevoll gepflegt). Und dass das Gute Lena Meyer-Landrut heisst, ist für die „Zeit“ auch kein Zufall: Das riecht nach deutscher Bodenständigkeit.
Die Wörter, die in den Medien im Zusammenhang mit Lena immer wieder fallen sind Authentizität und Natürlichkeit. Ungekünstelt sei sie, frisch, unverdorben, selbstironisch, einfach lovely. Wie einstmals die letzte deutsche Grand-Prix-Gewinnerin Nicole sang: „Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt.“
Keine Opernstimme, keine grosse Bühnenshow, keine aufwändigen Kostüme, kein Chichi. Just Love.

Produziert und promoted wurde Lena ausgerechnet von Oberzyniker Stefan Raab („Maschendrahtzaun“), der in den letzten Jahren immer wieder mit ironisischen Persiflage-Auftritten (Gildo Horn, oder „Waddehaddeduddeda“ ) aufgefallen war, um das bierernste Image der Contests aufzubrechen und das biedere Schlagerpublikum zu provozieren. Und er beweist auch diesmal offensichtlich ein exzellentes Näschen für den Zeitgeist. Schon letztes Jahr hatte ja so ein postironisch/selbstironischer Titel gewonnen  ein Märchen: die Sehnsucht nach der unschuldigen ersten Liebe.

Geradezu gegensätzliche Reaktionen löste vor nicht allzu langer Zeit ein anderes deutsches Mädel aus, dass es ganz nach oben schaffte: Helene Hegemann, deren Buch „Axolotl Roadkill“ so wahnsinnig hochgehyped wurde. Und anschliessend von den älteren Herrschaften aus den Feuilletons hingerichtet, eben weil man ihr mangelnde Authentizität vorwarf. (Ich möchte die entsprechenden Herren und Damen dringend bitten, doch mal ganz tief in ihren eigenen Schubladen graben, was sie mit 17 für literarische Ergüsse verfertigt haben.)

Darüber, wie authentisch Lena wirklich ist, und wo genau die Grenze zwischen inszenierter Authentizität und authentischer Authentizität im Bühnengewerbe und der Medienwirklichkeit unserer Zeit liegt, liesse sich wohl trefflich streiten (gerne auch hier im Blog). Aber die Art und Weise, wie Lena praktisch europaweit auf offene Ohren bei Publikum, Jurys und Medien stösst, zeigt in meinen Augen einen mächtigen Überdruss am kommerziell-medialen, auf Äusserlichkeiten fokussierten, kalkuliert vorproduzierten Abziehbild und eine ganz grosse Sehnsucht nach einer neuen Lenahaftigkeit.

ironiefreie Zone..

gesehen in der Ausstellung “Fate of Irony” im KAI 10 Raum für Kunst in Düsseldorf (bis 10.7.2010)

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Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DAS ERBE DES LACHENS (TEIL 2)

von Jörg Heiser und Sarah Khan, 8.5.2010, first published on artnet

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Beispiel 3 – Goethe
Martin Kippenberger benannte ein paar Mal Arbeiten nach Goethe: z.B. eine Serie handgeknüpfter „Klovorleger Goethestadt“ (1990) – gemeint war Frankfurt, wo Kippenberger Anfang der Neunziger eine Gastprofessur an der Städelschule innehatte. Kippenberger sei kein großer Leser gewesen, ist glaubhaft zu erfahren, aber seine familiäre Herkunft und seine Instinkte für Künstlerposen und Gesten müssen ihm vermittelt haben, dass Goethe ein deutscher Champ ist, in dessen Schatten kaum Gras wächst. Dass Harald Falckenberg die Formulierung „Goethe abwärts“ für eine von Kippenberger inspirierte Sammlungsschau wählte, hätte dem Künstler gefallen. Sie kommt genau aus dem Arsenal deutscher Schuld und Traumata, aus dem sich Kippenberger oft und mit der Zielsicherheit eins blinden Sehers bediente: Der Wiener Schriftsteller und Professor Hermann Hakel, 1911 als Jude in Wien geboren, Überlebender der nationalsozialistischen Judenvernichtung, holte diesen Begriff in der Nachkriegszeit aus der Vergessenheit zurück, indem er den Essayband „Von Goethe abwärts“ von Anton Kuh wieder herausgab. Continue reading ‘Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DAS ERBE DES LACHENS (TEIL 2)’

Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DAS ERBE DES LACHENS (TEIL 1)

von Jörg Heiser und Sarah Khan, 8.5.2010, first published on artnet

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Falls es stimmt und die Deutschen vielleicht wirklich keinen ausgeprägten Humor haben, dann haben sie doch eines ganz bestimmt: Humorprobleme. Eine möglichst selbstquälerische Beschäftigung mit Ironie ist eines dieser typischen Humorprobleme. Man muss hier also sofort die deutsche Problemfahne aufpflanzen, stellt dann aber fest: Umberto Eco war schon vorher da, zumindest hat er schon in den 1980ern ein Buch mit dem Titel „Lüge und Ironie“ veröffentlicht. Was es damit auf sich hat, bleibt noch zu prüfen. Die deutsche Fahne kann aber auf jeden Fall schon mal im Tornister bleiben. Humor als Nationalsport aufzufassen – wer hat den besseren – führt vor allem dazu, Defizite zu beschwören.

Beschwören wir also das Defizit: Monty Python waren natürlich schon so was von vorher da. Es gibt einen Sketch, in dem Ironie nicht nur ein Problem ist, sondern Continue reading ‘Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DAS ERBE DES LACHENS (TEIL 1)’

Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DIE JAGD NACH DEM EIGENEN SCHATTEN

von Carsten Probst, 23.4.2010, first published on artnet

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Dieses Problem allerdings ist nicht ihre einzige Schwierigkeit. Tatsächlich funktionieren offene Kalauer oder Witze ganz anders als die Ironie des Deadpan. Witze kündigen Konflikte an, um sie dann im Gelächter zu umgehen. Die in der Erwartung des Konflikts entstandene Anspannung entlädt sich als Freude über den am Ende doch nicht stattfindenden Konflikt oder, freudianisch, als Lustgewinn durch ersparten Energieaufwand. Insofern kann der Witz zwar kritische Haltungen äußern, aber seine Ambivalenz und damit seine Dynamik endet mit der Pointe. Die Ironie als rein dialektisierendes Stilmittel funktioniert ähnlich. Zu Zeiten autoritärer Unterdrückung und entsprechend polarisierter Opposition haben beide eine wichtige Funktion, als oft einzige verfügbare Mittel, oppositionelle Inhalte zu äußern. Die Witzigkeit hängt dann weniger von der humortechnischen Qualität ab, als davon wie „unsagbar“ die implizierten Äußerungen sind. Aber das ist in der Hochkunst gegenwärtig nicht das Problem. In unserer permissiven und zynisch geschulten Kultur ist nahezu alles sagbar. Wenn man Komik weiterhin satirisch einsetzt, spielt man damit einer überkommenen Vorstellung schlichter Entweder-Oder-Opposition in die Hände, die einem notwendigen intersubjektiven Verständnis der Konflikte nicht gerecht wird. Continue reading ‘Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DIE JAGD NACH DEM EIGENEN SCHATTEN’

Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DEADPAN 2.0

von Olav Westphalen, 23.4.2010, first published on artnet

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Wer das Missbehagen an der Ironie verstehen will, muss begreifen, warum der Kultur die Komik so abgrundtief verdächtig ist. Charles Baudelaire beklagte sich in seinem Essay „Das Wesen des Lachens“ darüber, daß die Karikatur – und man kann dies getrost auf komische Formen im allgemeinen ausweiten – von seinen Zeitgenossen nicht als Kunst annerkannt wurde. Das ist nun über 150 Jahre her. Trotzdem hatte sich daran bis vor kurzem nicht viel geändert. Komik und Ironie waren der Kunstkritik und dem Publikum suspekt und wurden in der Regel nur dann toleriert, wenn deren Verstöße gegen den Sinn – oder um es auf Linguistisch zu sagen: ihr subversiver Widerstand gegen die Übereinstimmung von Signifikat und Signifikant, gegen die Deckungsgleichheit von Bedeutung und Bedeutetem also – ordentlich begründet und abgegrenzt wurden. Nur als lokal begrenzte Kunstgriffe im Rahmen eines höheren, rational begründeten Zusammenhangs kann das Kunstpublikum Komik und Ironie ertragen. Dann also, wenn die Sinnverwischung eingezäunt wird und einer guten Sache dient. Humor als Ultima Ratio.

Der Grund dafür ist der Legitimationsbedarf der Kunst, die selber als unsichere Kantonistin verdächtig ist. Die Hochkunst stützt sich um ihrer eigenen Sicherheit willen auf eine sonore Aura der Ernsthaftigkeit, um ihre gesellschaftliche Sonderstellung zu rechtfertigen. Künstler, die lustige Ideen hatten, hielten es in der Regel für nötig, diese in einem Ton Continue reading ‘Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DEADPAN 2.0′

Dossier zu “Fate of Irony”

Auf Artnet gibt es ein ausführliches Dossier zur unten beschrieben Ausstellung zur Ironie in der Kunst.

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The fate of Irony

Derzeit und noch bis zum 10.7.2010 läuft im KAI 10 Raum für Kunst in Düsseldorf eine sehenswerte Ausstellung zur Ironie in der zeitgenössischen Kunst.
Aus dem Pressetext: “Die Ironie, noch vor kurzem als zentrales Ausdrucksmittel der Postmoderne gefeiert, wird heute wieder kontrovers diskutiert. Ist die sprichwörtliche, unausweichliche Ironie des Schicksals zum Schicksal der Ironie selbst geworden? Hat die Ironie ihr Reservoir erschöpft oder kann sie immer noch eine sinnvolle kulturelle Strategie sein? Ist sie nicht sogar ein notwendiger Bestandteil der Kultur, auch als Gegenstrategie zu fundamentalistischen Weltbildern? Aber wo und wie wird Ironie verstanden? Kann man sich im Zeitalter der Globalisierung noch augenzwinkernd auf ein gemeinsames kulturelles Bedeutungsreservoir beziehen?
Die Fragen, die sich aus dem Problem der Ironie ergeben, stehen exemplarisch für die Frage nach den Voraussetzungen für das Verständnis heutiger Kunst. Die Ausstellung The Fate of Irony geht dem vielfältigen Einsatz ironischer Strategien in der heutigen Kunst nach. Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler demonstrieren in oftmals humorvoller Weise eine kritische Haltung zu den gesellschaftlichen, politischen oder sozialen Kontexten von Kunst und hinterfragen auch das Betriebssystem Kunst selbst. Auch gehen sie der Frage nach der interkulturellen Verständlichkeit verbaler und bildlicher Ironie nach.

KURATOREN: ZDENEK FELIX, LUDWIG SEYFARTH

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Lexikon zur zeitgenössischen Kunst

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Das neue Glossar zur Gegenwartskunst enthält auch einige Texte und Essays zur Postironie.

Neben dem 200 Seiten umfassenden Glossar zur zeitgenössischen Kunst und ausführlichen Werkbeschreibungen zu sämtlichen bisherigen Com&Com-Werken bietet das Buch ein Bildarchiv mit rund 1500 Abbildungen zur Arbeit des Künstlerduos und versammelt ausserdem 33 Essays, die das Werk von Com&Com analysieren und in den Rahmen der zeitgenössischen Kunst einordnen. Alle Teile des Buches sind untereinander mit Schlagworten und Verweisen verlinkt.

Mit Essays, Artikeln und Zitaten von 166 Autoren, u.a.: Jamila Adeli, Dirk Baecker, Timon Beyes, Tobia Bezzola, Daniel Binswanger, Elisabeth Bronfen, Kathleen Bühler, Dolores Denaro, Diedrich Diederichsen, Harald Falckenberg, Anselm Franke, Andreas Göldi, Marcy Goldberg, Walter Grasskamp, Peter Gross, Boris Groys, Jürgen Häusler, Vinzenz Hediger, Jens Hoffmann, Kornelia Imesch, Joan Jonas, Pius Knüsel, Tom Kummer, Markus Landert, Claude Lévi-Strauss, Franz Liebl, Torsten Meyer, Yana Milev, Sibylle Omlin, Karl-Josef Pazzini, Diana Porr, Ulf Poschardt, Hans Ullrich Reck, Suzann-Viola Renninger, Theresa Riess, Richard Sennett, David Signer, Bettina Steinbrügge, Oliviero Toscani, Wolfgang Ullrich, Friedrich von Borries, Slavoj Zizek u.v.a.

Hrsg: Johannes M. Hedinger, Marcus Gossolt, CentrePasquArt Biel/Bienne