Seminar zur Postironie

Im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks hat der postironische Kopfverband an der Universität Hamburg ein Seminar angeboten. Natürlich ging es dabei um Postironisches. Wir haben mit einer Gruppe von 16 Menschen das postironische Manifest gelesen und diskutiert.

Wir stellten fest, daß ein Manifest selbstbezüglich ist und einen Standort bestimmen möchte. In unserem Fall heißt das, dass das Manifest selbst zum Zweifeln anregen muss. Alle waren sich einig, dass es dies bewirkt, denn es ist soweit Sinn entleert, dass man sich Gedanken machen muss, wo Sinn entstehen kann.

Desweiteren stellten wir fest, dass das postironische Manifest nichts feststellt, also nichts starr festmacht, sondern der Vielfalt und den Möglichkeiten Raum gibt. Dabei passiert es, dass feste Kategorien angelöst werden, aufgelöst werden und Grenzen verschwimmen.

In dieser Bewegung kann Raum entstehen. Raum für: Schönheit, Wahrheit, Liebe. Das zeugen von Schönheit würde dann immer mehr Schönheit zeugen.

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8 Gedanken zu „Seminar zur Postironie“

  1. Lieber Johannes,
    deine beiden Definitionsversuche haben mir sehr gut gefallen, denn so habe ich das Manifest auch verstanden. Gut, ist jedoch, wie ich schon beschrieb, dass es eher offen formuliert ist. Die Seminarteilnehmer empfanden gerade diese Offenheit als Herausforderung. Ein Nachteil ergab sich aber auch: Einige empfanden das Manifest als neoliberal. Dieser Punkt wurde mir leider nicht ganz klar, ich habe nur herausgehört, dass es ihnen zu individualistisch schien, so unter dem Motto „jeder muss sich selbst um sein Glück kümmern“.
    Um Teilnehmer für das Seminar zu werben haben wir, der postironische Kopfverband, sehr viel Werbung auch für den Blog gemacht und sind mal gespannt, ob sich da auch wirklich was tut. Wir haben beim Verteilen der Flyer viel mit den Menschen gesprochen und hatten den Eindruck, dass einiges Interesse bestand.
    Das Seminar an sich hat, meiner Meinung nach die wissenschaftliche Ebene behandelt, welche im Blogseminar aus Zeitgründen nicht angesprochen werden konnte und hier im Netz auch etwas zu kurz kommt. Die Auseinandersetzung mit Begriffen, wie Individuum, Wahrheit, Fiktion, Zweifel, Schönheit, wundern, Illusion, Grenzen… ist außerordentlich wichtig, um dem Ganzen die Oberflächlichkeit zu nehmen. Auch Deine Definitionsversuche wollen dies ja. Ich freue mich, wenn das noch viel mehr passiert und empfinde die Seminarstruktur dafür angemessen. Vielleicht könnte man nächstest Semester eins geben?
    Liebe Grüße,
    Anne

  2. Und noch was von mir: „Auch in der Menschenbrust wohnt so ein seltsamer Vogel, der von der Lust nach Ursprung, Anfang und Lebensruf auch dort nicht lassen kann, wo beinahe nichts anstößiger wird, als der Gedanke, daß der Mensch noch eine Seele haben könnte“ (aus Kultur in der Krise)
    Was sagt ihr zu „eine kleine Geschichte“? Würde mich sehr über einen Kommentar freuen!

  3. Ja, von mir,geht auch noch weiter (nur bin ich damit noch nicht zufrieden) und es gibt viele Illustrationen, sehr golden und, naja, schön halt. Was heißt unangreifbar?
    Kultur in der Krise ist ein Buch von? hab ich gerade nicht im Kopf, das Buch befindet sich gerade nämlich bei Markus. Ein paar Stichpunkte aus meinen Aufzeichnungen wären:
    „Die Unschuld des Fragens ohne Voraussetzungen“, “ In der Kultur realisiert sich die Natur des Menschen, Kultur kein Mittel, Kultur ist das Leben selbst, Kultur gibt dem Leben Sinn“, „Verwandlung nötig, wenn sich der Mensch als Mensch noch will“, “ Der Riß geht mitten durch uns hindurch: Der Zivilisierte erscheint als unrettbarer Gefangener dieser großen Maschine- das menschliche in uns aber verzweifelt und rebelliert gegen den Widersinn eines geistig entleerten „Gehäuses der Hörigkeit“ (Max Weber), eines lebenszerstörenden technokratischen Irrlaufs.“, „Wieder-holung eines Unvergeßlichen in uns selbst“, „Unverfügbarkeit des Seins“, „kulturelle Visionen, Aufgaben, Lebenszwecke“, „das Unzerstörbare= der Lebensgeist endet nicht“, „die dionysische Perspektive, weil sie nicht an sich reißt, sondern sich verschwendet, nicht nimmt, sondern gibt, nicht statisch träge, sondern sprunghaft werdend, nicht in historischen Kategorien zu erfassen, sondern immer schon potentielle Gegenwart ist“, “ Wirtschaft ist keine Macht, die Freiheit zu vergeben hat und wirtschaftlicher Sinn vermag nicht zu den Elementen der Freiheit vorzudringen“…
    Oh, zum Syposium möchte ich kommen! Post an Thorsten, ja! Ein Seminar wäre doch toll! Da könnte man dann auch mal richtig Textarbeit machen!

  4. Post an Torsten ist angekommen.
    Ja, so eine Vertiefung oder Weiterführung mit theoretischem Tiefgang fände ich großartig!! Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass ich Anfang 2010 gar nicht mehr an der Uni Hamburg tätig bin. Vielleicht könnte man aber trotzdem eine Exkursion zum Symposion nach Zürich machen mit einer gemischten Gruppe Studenten aus Hamburg und von meinem neuen Arbeitsplatz? Da müssten wir noch eine organisatorische Form entwickeln.
    Wieviele Hamburger hätten daran wohl Interesse?

  5. Auf eine Exkursion hätten bestimmt einige Lust, ich glaube der Kopfverband wäre auf jeden Fall dabei. Wir müßten noch mal unsere Mitgliederzahlen steigern! Sprechen wir über die Entwicklung einer organisatorischen Form!

  6. …sogar der „cicero“, das „magazin für politische kultur“ hat’s mitgekriegt:
    (http://www.cicero.de/259.php?kol_id=10881)

    Jenseits der Ironie
    (von Wolfram Weimer)

    Das ironische Zeitalter geht zu Ende. Zwanzig Jahre hat es gedauert und jene Nische der Weltgeschichte ausgefüllt, die sich mit dem Fall der Mauer 1989 auftat und mit der Weltwirtschaftskrise 2009 wieder geschlossen hat. In dieser Nische bekam unsere Gesellschaft die Kontur einer TV-Dschungelshow – ihre Grundmetapher war das Spiel. In dieser Nische begegneten uns Gestalten wie Dieter Bohlen und die Simpsons. Man musste permanent „Jetzt mal im Ernst“ sagen, die Jugend wählte „echt“ und „cool“ zu Signaturvokabeln, weil alles unecht und lau geworden war. Selbst die Politik verstieg sich in Sprach- und Sachironie von „Rentenversicherungsnachhaltigkeitsgesetzen“.

    Die Optimisten zogen im gut gelaunten Globalisierungs-Get-Together dieser Nische Haltungen wie Krawatten aus und schalteten (Kommunikation ersetzte schließlich Kontingenz) Handys wie Laptops ein. Die Weltwirtschaft schien ein spielerisches Monopoly. Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ war da. Das Fiktive und das Reale vertauschten sich, so dass vor lauter Vorstellung gar kein Wille mehr wirkte. Es war sogar egal. Hauptsache, die Stimmung blieb gut und Deutschland hatte einen Superstar.

    Für Pessimisten war schon die schwindende biologische Kraft ein Indiz des Zerfalls. Die Europäer wollten sich einfach nicht mehr fortpflanzen. Man hatte keine Erben und keine Hinterlassenschaft, von Mission ganz zu schweigen. Denn der Schlüssel zu sich selbst schien versunken in einem Meer der Opportunitäten. Europa mutierte zum Disneyland seiner selbst. Die Ironie war bei alledem kein Trost der Ohnmächtigen, wie Herbert Marcuse einst wähnte. Sie wurde zum Schlüssel zur Selbstentmachtung. Das ironische Zeitalter sagte zu allem Ja und Amen – falls man noch wusste, was Amen hieß. Denn die Religion war erkaltet, die Kultur räusperte sich nur noch kühl, kommerziell und krächzend, und selbst die Politik spielte bloß ein Scrabble des Machbaren.

    Dass die ironische Welt nun durch ein unwirkliches Spekulationsspiel mit Nullzinsgeldern an ihr Ende gekommen ist, wirkt wie ein ultimativer Witz. Subprime-Kredite lesen sich wie die letzten Visitenkarten einer gescheiterten Ironie.

    Nun aber wird es buchstäblich ernst. Schon nach dem 11. September 2001 ahnte man, dass es viele gibt, die unser ironisches Spiel partout nicht mitspielen wollten. Die Finanzkrise ist der zweite Schlag der Ernsthaftigkeit. Denn jetzt hat es der ironische Westen nicht nur zu tun mit dem religiösen Furor der islamischen Welt, sondern auch dem Ehrgeiz aller anderen Aufsteiger. Ihre Kultur des Nominalismus steht unserer Ironie schroff entgegen. Und wir müssen uns entscheiden. Denn das Angebot der neuen Zeit ist bereits da: Es heißt Oligarchismus.

    Der neue Oligarchismus kommt in vielen Gewändern daher, und er wird uns nicht nur ökonomisch herausfordern, sondern auch weltanschaulich. Ob es sich um eine parteiliche Oligarchie (China), eine geheimdienstliche Oligarchie (Russland) oder eine Clan-Oligarchie (Arabien) handelt, die Muster sind ähnlich. Immer entscheiden kleine, halbstaatliche Zirkel über die großen Machtinstrumente der Gesellschaft.

    Unsere Überzeugung, dass Demokratie und Marktwirtschaft Zwillinge seien, dass offene Gesellschaften den Zwangsgesellschaften überlegen seien, ist erschüttert. Seit Jahren warten wir auf den Kollaps Chinas, auf den demokratischen Aufbruch der russischen Mittelschicht, auf die Revolutionen in Arabien. Doch nichts geschieht. Stattdessen zerfällt Amerikas Macht. Allen drei Varianten des Oligarchismus gelingt es hingegen, wirtschaftlichen Erfolg mit autoritärer Politik zu verbinden und damit eine Legitimation zu schaffen, die sich vom ironischen Westen durch Stabilität unterscheidet. Der Instrumentenkasten des neuen Oligarchismus ist stets staatskapitalistischer Natur. Und den kopieren wir im Westen bereits.

    Der nächste Gezeitenwechsel vollzieht sich daher nicht nach europäischen Links-Rechts-Mustern, sondern nach einem globalen Systemwettbewerb autoritärer und liberaler Gesellschaftsordnungen. Die derzeitige Neigung in Europa, in der Krise die Rückverstaatlichung zu suchen, birgt eine große Gefahr. Denn damit geht Europa freiwillig einen Schritt in den Staatsfondsoligarchismus. Konzentrierte Macht in den Staatshänden Weniger wird nur mit Demokratieverlusten einhergehen können.

    Das demokratische Europa aber ist gerade dadurch entstanden, dass es die Macht so weit wie möglich geteilt und in die Hände der Bürger gelegt hat. Systematische Verstaatlichungen würden die Umkehrung dieses Prozesses bedeuten, denn damit würden Gewalten konzentriert und eben nicht mehr geteilt. Statt der freien Gesellschaften entstünden oligarchische, halbstaatliche Cliquen- und Parteiennetzwerke.

    Kurzum: Der ironisch gebrochene Westen ist nicht nur wirtschaftlich angeschlagen. Sein Traditionsspeicher leckt, aber so schwach, dass er nun oligarchischen Verlockungen verfällt, ist er hoffentlich noch nicht. Im Ernst nicht.

  7. Das passt doch zum Seminar während der Streikwoche: Auswüchse, welche in diesem Artikel zu lesen sind, machen sich ja auch in der Uni bemerkbar (mehr als das wahrscheinlich)und desshalb ist die Universität jawohl auch der Ort, an dem über diese Dinge gesprochen werden muss. Wenn das Manifest dazu ein Anstoß sein kann, einen Rahmen schafft, so schafft es viel.
    Danke für den Artikel!

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