Ironie und Virtualität

Kann man eigentlich sagen, dass Ironie irgendwie virtuell ist? – In dem Sinne, dass der Ironiker die Dinge nicht so ganz nah an sich heranlässt und immer einen virtuellen Abstand zur Welt hält? Quasi aus einer zweiten, anderen Welt heraus auf die Dinge der ersten blickt?
Prä-ironische Haltungen wären demgegenüber einem naiven Realismus zuzuordnen: Der Prä-Ironiker ist inmitten der Welt und der Dinge und denkt sich nichts dabei.
Auch der Post-Ironiker steht (wieder) mit beiden Füßen auf dem Boden, mitten im Realen (aber in einem anderen Realen), und sieht sich wieder im Sumpf des Irdischen (mit Betonung auf „wieder“). Er weiß vom Virtuellen, von der Distanz, der Ironie, dem Abstand zwischen dem Sein und dem Schein und kreiert daraus ein neues Sein (hinter dem Schein): Postironie als Realismus 2. Ordnung?

4 Gedanken zu „Ironie und Virtualität“

  1. Zunächst nicht ganz einfach zu finden, war die Mission war aber doch noch erfolgreich: Luhmann unterscheidet in seinem opus magnum literarische Formen und Stilfragen bei der Beschreibung der Gesellschaft (S. 1128f.). Neben einem „dürren“ Stil des (naiv-)logischen Positivismus und der Darstellungsform von „Betroffenheit und Mitleiden“ (was wohl auf die „kritische“ Soziologie gemünzt sein dürfte) zählt der Maestro hierzu die „Reflexionsform der (romantischen) Ironie […], die das Verwickeltsein in die Angelegenheiten malgré tout als Distanz zum Ausdruck bringt“ (S. 1129). Insofern kann ich die These aus meiner Warte unterschreiben: Ironie, wenn sie die filigranen Bruchstellen der vermeintlich realistischen Beobachtung erster Ordnung aufzeigt – und das verstehe ich unter einer Reflexionsform – kann als Beobachtung zweiter Ordnung beschrieben werden: Die Unterscheidung rückt in den Blick.

    Virtueller Exkurs: Welche Tugend („virtus“) aus dem Potentiellen etwas Virtuelles formt (bzw. ob die Ironie als Tugend gelten kann), müssen die Post-Ironiker allerdings selbst beantworten… Ende des Exkurses.

    Ein letztes und längeres Zitat soll die Parallelität des These und des systemtheoretischen Ansatzes deutlich machen: „Mit postmodernen Formen wird ein Wiedererkennen ermöglicht – und zugleich verboten. Man soll sich mit dem Vergnügen des Wiedererkennens – wenn zum Beispiel von »Subjekt« oder von »Demokratie« die Rede ist – nicht begnügen. Das wiederverwendete Formenarsenal ist anders gemeint. Die überlieferten Formen sind, bei aller scheinbaren Seinsfestigkeit, nur noch ein Medium der Selbstverständigung unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Man kann dies im Modus der Ironie zum Ausdruck bringen, aber damit wäre nur ein expressiver Ausweg gewonnen und keine Konstruktionsanweisung. Das scheint zu bedeuten, daß konstruktivistische Theorieversuche die Postmoderne nicht fortsetzen, sondern beenden, obwohl sie die Distanz zur Geschichte und ihre Neubeschreibung als Medium übernehmen.“ (S. 1148f.)

  2. @Sebastian: Danke für diesen Kommentar!! Insbesondere das längere Zitat unten ist großartig bzgl. Parallelen zur Postmoderne-Diskussion und aber auch besonders bzgl. des Übertrags auf die Denkbarkeit einer „postironischen Pädagogik“, die unbedingt zu unterscheiden ist von einer „präironischen“, weil – wie Luhmann hier schreibt – man sich nicht mit dem „Vergnügen des Wiedererkennens“ [wunderbare Formulierung!!] – wenn z.B. von „Subjekt“ die Rede ist – begnügen soll. „Das wiederverwendete Formenarsenal ist anders gemeint.“
    Also bitte, liebe mitwirkende zukünftige PädagogInnen, immer eine postironische, Version von „Subjekt“ mitdenken, wenn es um die bildende Auseinandersetzung von Ich und Welt geht!! Eine Version von „Subjekt“, die nur eine entfernte Ähnlichkeit mit der präironischen Version hat, die so gerade eben zum Wiedererkennen reicht, aber doch ganz anders gemeint ist.

    PS: Subjekt 2. Ordnung? Ist das denkbar?

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