Plädoyer gegen herkömmliche Ironie: DAS ERBE DES LACHENS (TEIL 2)

von Jörg Heiser und Sarah Khan, 8.5.2010, first published on artnet

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Beispiel 3 – Goethe
Martin Kippenberger benannte ein paar Mal Arbeiten nach Goethe: z.B. eine Serie handgeknüpfter „Klovorleger Goethestadt“ (1990) – gemeint war Frankfurt, wo Kippenberger Anfang der Neunziger eine Gastprofessur an der Städelschule innehatte. Kippenberger sei kein großer Leser gewesen, ist glaubhaft zu erfahren, aber seine familiäre Herkunft und seine Instinkte für Künstlerposen und Gesten müssen ihm vermittelt haben, dass Goethe ein deutscher Champ ist, in dessen Schatten kaum Gras wächst. Dass Harald Falckenberg die Formulierung „Goethe abwärts“ für eine von Kippenberger inspirierte Sammlungsschau wählte, hätte dem Künstler gefallen. Sie kommt genau aus dem Arsenal deutscher Schuld und Traumata, aus dem sich Kippenberger oft und mit der Zielsicherheit eins blinden Sehers bediente: Der Wiener Schriftsteller und Professor Hermann Hakel, 1911 als Jude in Wien geboren, Überlebender der nationalsozialistischen Judenvernichtung, holte diesen Begriff in der Nachkriegszeit aus der Vergessenheit zurück, indem er den Essayband „Von Goethe abwärts“ von Anton Kuh wieder herausgab.
Anton Kuh war ein jüdischer Vortragskünstler und Journalist, er wurde bekannt für witzige, bissige und wundervoll respektlose Stegreif-Dichtungen und Aphorismen – und als Gegenspieler von Karl Kraus. Über Zeitgenossen spottete er: „Wie langweilig ist dieses Originalgenie geworden, seit er das Stottern verlernt hat!“ – oder – „Er geht wie auf Eiern, weil er keine … Aber lassen wir das.“ Seine Vorträge führten zu Saaltumulten, bei denen die Polizei eingriff. Kuhs ganze Auffassung von Leben und Kunst und die Lust an Formulierungen scheint verblüffend Kippenbergers Gusto zu entsprechen. „Von Goethe abwärts“ erschien 1922 erstmals. Anton Kuh lebte ab 1928 in Berlin und musste 1933 als österreichischer Jude die deutsche Hauptstadt verlassen. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland emigrierte er von Wien aus in die USA und erlag 1941 in New York einer Erkrankung. Und falls es noch eines Belegs für die Verbindung zum deutschen Kriegs-Humor-Komplex bedarf: Goethes berühmtes Gedicht „Wer nie sein Brot mit Tränen aß…“, gibt es auch (mitsamt der Veranschaulichung himmlischer Mächte und auf Erden sich rächender Schuld) in einer Abwärtsvariante aus dem Wehrmachtstornister:

Wer nie sein Brot mit Büchsenkäse aß,
Wer nie auf Läusejagd gewesen,
Wer nie auf einem Donnerbalken saß,
Wer nie bei Kerzenlicht gelesen,
Den Brief von Muttern sehnsuchtsvoll,
Dass ihn am Hals die Ader schwoll,
Wer niemals Wodka hat getrunken,
Wer nie bei Frost und Mondenschein
Gefroren wie ein wildes Schwein
Und grunzend ist aufs Stroh gesunken,
Wer nie in harten Winterwochen
Sich holte halbverfror´ne Knochen,
Wer nie im Drecke stak verstohlen,
der kennt ihn nicht, den Krieg in Polen.

Feldwebel Wilhelm Nucklies. In: „Neuer deutscher Soldatenhumor“, Leipzig, 3. Auflage, 1940

Beispiel 4 – Geselligkeitsanarchie
Bei Vernissagen und Galerie-Abendessen endlose Reden halten und endlose Witze erzählen. Eine Spezialität Kippenbergers. Andrea Fraser hat sich eine 1995 von Kippenberger gehaltene Rede Wort für Wort, Geste für Geste als Reenactment angeeignet (Kunst Muss Hängen, 2001). Das Auswalzen, Überziehen, Zu-Tode-Reiten ist eine bewährte anarchische Humortechnik, die auch schon der amerikanische Stand-Up-Comedian Andy Kaufmann perfektioniert hatte, der z.B. den kompletten „The Great Gatsby“ bei einem seiner Auftritte vorgelesen hatte. (Harald Schmidt brachte einen Abglanz davon ins deutsche Fernsehen.) Es wird so weit überdehnt, bis der Kontrakt mit dem Publikum bricht (der darin besteht, dass es unterhalten und dadurch als Gruppe bestätigt werden soll). Diese Humortechnik ist aber auf die reale Erfahrung mit dem alkoholisierten Festredner zurückzuführen, der sich humoristisch in Fehlleistungen verstrickt und so den Zusammenhang zwischen betretenem Lachen und lautem Schweigen versehentlich offenlegt. Eben auch so eine typisch deutsche Nachkriegserfahrung.

Beispiel 5 – Die Hakenkreuzbilder
Die offensichtlichsten Beispiele für das Kippenberger’sche Humorsystem: zwei Hakenkreuz-Bilder von 1984. Zum einen Dumm geboren, nichts dazugelernt und dumm gestorben (1984). Wie bei Sigmar Polke schon – dessen Akt Mit Geige (1968) Zahnräder, ein Auge und behaarte Cartoon-Füße über die Leinwand verteilt – wird die Malerei der Moderne zum Rätselsuchbild wie aus der „Hörzu“, dem Prototyp fernsehdeutscher Gemütlichkeitspublizistik. Bildungshuberischer Kennerschaft wird hier die Dummheit um die Ohren geschlagen – mittels eines in zarten Grün-, Blau- und Hauttönen gehaltenen, wie aus besoffenen Abflussrohren gebildeten Hakenkreuz. Aber um die Verleugnung mit Hilfe der Abstraktion geht es dabei eben auch. Ausgesprochen wird genau dieses im berühmten Titel Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken (1984). Wer das Rätselsuchbild mit seiner Parodie spätkubistischer Expressionismus-Donnerbalken aus dem Kontext des Nachkriegs-Zombie-Humors herauslöst, den Kippenberger übersteigernd weitertreibt, kann nur zu dem Trugschluss kommen, es gehe hier tatsächlich auch um die Suggestion, „etwas Tiefsinniges über die Deutschen und ihr Verhältnis zur Vergangenheit zu sagen“ (wie das der englische Kritiker Mark Rappolt 2006 anlässlich der Kippenberger-Retrospektive in der Tate Modern in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit unterstellt). Wenn schon, geht es genau um das Flachsinnige am Verhältnis der Deutschen zu ihrer Vergangenheit. Der Überbringer der Botschaft wird der Botschaft wegen gescholten, aber das ist Berufsrisiko.

Beispiel 6 – Lieber Maler, male mir
„Lieber Maler, male mir“, ist der Titel einer berühmten Serie von Bildern, die Kippenberger bei einem Kinoplakatmaler in Auftrag gab. Er stammt aus einem Trinker-Witz: „Lieber Maler, male mir, über meiner Zimmertür, meiner Frau zum Trotze, eine große Flasche Bier.“ Der Ursprung dieses Witzes ist nicht letztgültig zu klären, ob es nun die Hörzu-Witzseite war oder ein anderes Zentralorgan des Nachkriegshumors, werden hoffentlich zukünftige Promotionsarbeiten ergeben. Gefunden wurde er jedenfalls im Internet auf einer Witzseite.

Diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass Kippenbergers Werk starke Spuren des Zombiehumors der deutschen Nachkriegszeit aufweist, jener mentalen Zündung der Bundesrepublik Deutschland. Er konnte diesen Humor in der bildenden Kunst in einer Weise zum Einsatz bringen, die ganz anders war als das, was die Profi-Humoristen damit anstellen konnten. Ob Performance, Malerei, Objekt/Installation, konzeptueller Wortwitz – im Feld der Kunst war die verlässliche, mit gutem Timing platzierte Pointe nicht so gefragt wie in der kommerziellen Witzwirtschaft. Kippenberger konnte Zustände auskosten, feiern, übertreiben, sie an die Wand fahren lassen und damit das Material wie das Publikum quälen. Kippenberger mag sich im Laufe seiner Karriere zunehmend von dem geerbten Stimmungstrauma emanzipiert haben. Zum Teil lösten sich wohl auch die Gefährten von ihm ab, sein kleines Publikum, so hört man, wollte sich einfach nicht mehr so ohne weiteres quälen lassen. Doch auch in diese letzten Jahre vor dem frühen Tod 1997 fallen Arbeiten, die von besonderer Launigkeit sind, die die Stimmung und Gemütlichkeit des Väterlichen in den eigenen Kippenberger-Mythos hinein verpflanzen: Der einsame Eiermann, der mit seinem dreirädrigen motorisierten Eierfahrzeug und Beschallungsanlage, ganz ohne Führerschein durch das Burgenland fährt und selbst dort Stimmung verbreitet, wo sonst nur Wälder schweigen. Die gelb-grüne Hallöchen-Fahne zu Jennersdorf, die ein bestimmtes Restaurant immer dann hissen soll, sobald Kippenberger in town ist, die rührend übernommene Pose eines Staates, eines Generalgouverneurs, eines Kegelclubs.

Und was bleibt nachfolgenden Künstlergenerationen nun noch übrig an Ironie? Zu viel oder zu wenig? Wenn wir uns von Umberto Ecos eingangs erwähntem Büchlein dienliche Hinweise erhoffen, so entpuppt sich sein „Lüge und Ironie“ (1999) zunächst als leichter Etikettenschwindel. Lose Gedanken zu Text-Exegese und Humor sind da im Namen der Nachverwertung des Namens der Rose gebündelt worden. Dennoch fallen ein paar brauchbare grundsätzliche Überlegungen ab: etwa, dass es gelte, das Komische im Leben vom Komischem im Text zu unterscheiden, und letzteres wiederum vom Komischen des Textes; oder dass sich die Theoriebildung und Begriffsklärung zum Komischen schon deshalb so schwer greifbar wie nasse Seife anfühlt, weil dem Komischen etwas Antimethodisches innewohne, das zur „Sphäre der Gefühle“ zähle. Ironie als Ausdruck von Souveränität – ob nun von den Mächtigen oder von den Marginalisierten eingesetzt – ist aber eine strategische Technik. Was nur dann ein Widerspruch ist, wenn man Gefühle als bereits gegeben abtut, anstatt von einer Kulturgeschichte der Gefühle und Gefühlstechniken auszugehen, von einer Fähigkeit zur bewussten Kultivierung dieser Gefühle.

Vor diesem Hintergrund ist die romantische Ironie bei Friedrich Schlegel nicht nur die selbstkritische Reflektion des Künstlers auf die Unerfüllbarkeit der in seinem Werk ausgedrückten Sehnsüchte, sondern auch eine Markierung der uneinlösbaren Sehnsüchte überhaupt (nach bedingungsloser Liebe, nach absoluter Wahrheit). Und dadurch wird ein real-existentieller Herzschlag spürbar. Ironie ohne diesen Herzschlag bleibt lahm herum eiernder, zynischer Nonsens. Das ist das Grundproblem der Ironie. Die übliche Unterscheidung zwischen Ironiker und Fanatiker entpuppt sich so als Scheinwiderspruch. Im Prinzip. Denn so fanatisch ironisch (und darin romantisch?) zu sein wie Kippenberger ist heute viel verlangt. Das liegt nicht nur daran, dass das ödipale Abarbeiten am Lach-und-Schweige-Kartell der vorherigen Generation bereits erledigt wäre. Sondern vor allem daran, dass in der Gegenwart längst Bedenken gegen Übertreibungen jedweder Art vorherrschen, da der freiwillige Verzicht auf gesundheitsgefährdende Lebensführung ein Grundprinzip der geltenden neoliberalen Gesellschaftsordnung ist. Die Kunst dazu sieht beflissen wie ein braver Schüler aus; Ironie taucht nur in abgeschwächt entfanatisierter Form auf, als Teil der Etiquette. Im angloamerikanischen Raum, wo die fanatisch wirtschaftsliberale Ordnung schon lange durchgesetzt ist, gibt man sich hingegen nicht mehr der Illusion hin, dass man sich allein durch gutes Benehmen werde behaupten können. Diese Ordnung selbst zwingt zum (post-ödipalen) Abarbeiten, und nicht mehr nur deren kriegserfahrene Väter. Deshalb kommt die beste Humoristik weiterhin von dort, von Ricky Gervais („The Office“) bis Larry David („Curb Your Enthusiasm“), beide übrigens Meister des Überdehnens. Ironie als Ausdruck wirtschaftlicher Todesängste ist allerdings ein Gefühl, dass man den Deutschen in Zukunft immer mehr wird zutrauen dürfen. Wir freuen uns auf die Kunst und die Fernsehserien dazu.

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